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Nachtrag zu Alagoinhas. die Brincadeira

Die Eindrücke aus der Brincadeira gehen mir noch nicht aus dem Kopf. So will ich versuchen, etwas davon doch genauer wiederzugeben.

Um kurz vor 4 Uhr nachmittags kommen immer mehr Kinder zu dem kleinen Tor am Gelände unterhalb des „Tagungszentrums“. Um 4 Uhr macht Rudolf auf, alle begrüßen ihn einzeln mit der Hand und stellen sich auf, um alle Obst zu bekommen. Danach stürmen immer mehr dann auf den Platz, ins Spiel. Die weitere Stunde ist das Gelände erfüllt von Toben, Spielen, Rennen, Streit. Die Spielmöglichkeiten: eine Wippe, ein Sandplatz für Ballspiele, ein Platz unter den Bäumen, wo manchmal Capoeira getanzt wird, eine paar Reckstangen aus Bambus, die Tische unter dem Vordach des Hauses. Fr Rudolf steht die ganze Zeit am Tor, alle Kinder, die ein Spielzeug bekommen wollen (z.B. den Ball, ein Jonglierspiel o.ä. gehen zu ihm und er schreibt ihnen einen kleinen Zettel als Ausgabe-Gutschein. Dahinter steckt die Haltung der „umgekehrten Hierarchie“: die Kinder bestimmen, was sie spielen wollen – nicht die Erwachsenen (das sind die anwesenden Freiwilligen, die drei BrasilianerInnen, die dabei kochen, die Spiele ausgegeben – oder eben wir als anwesende Gäste) „bespaßen“ die Kinder. Ein wichtiges Prinzip.

Ein anderes wichtiges Prinzip: die Älteren bekommen als „Mentoren“ die Verantwortung, auf einzelne Jüngere zu achten. Das bedeutet vor allem, mitzubekommen, wann ein Streit eskaliert und Prügeleien zu verhindern. Und angespannte Streitereien entstehen tatsächlich schnell, was wir selbst ohne Sprachkenntnisse wahrnehmen können. Wenn ein Kind oder Jugendlicher zu „heftig“ wurde – greift Ricardo ein und bringt ihn zur „Nachdenkbank“. Ein Baumstamm, auf dem dann derjenige 10 Min. sitzen muss, bevor er wieder ins Spiel eintauchen kann. Wichtig sind dabei auch die anweseden Mütter, die mit einer kleinen Aufwandsentschädigung auch bezahlt werden: auch sie „beaufsichtigen“ die Spiele, bringen vor allem Kinder aus ihrer Straße mit und bringen sie wieder nach Hause.

Nach einer Stunde ist die Spielzeit zuende. Die Kinder stellen sich wieder an. Sie werden als Gruppen mit Straßennamen aufgerufen und bekommen Obst zum Mitnehmen. So verlassen die Kinder nicht gleichzeitig das Gelände, sondern verteilt – auch das eine bewusste Maßnahme, um allzu viel Streit auf dem Heimweg zu vermindern.

Wenn ich das so mit den deutschen Begriffen beschreibe, klingt es sehr reglemtiert. Ich habe es aber nicht als „Reglementierung“ empfunden sondern als ein sehr komplexes Zusammenspiel von Regeln und Ritualen, die für die das Zusammensein und die Einzelnen äußerst hilfreich sind.

Wir konnten an allen drei Tagen, einzelne Gruppen mit einer der Freiwilligen nach Hause bringen. Es ist ein Leben in Armut, das dem sehr ähnelt, was ich vor 20 Jahren in den beiden Favelas in Belo Horizonte oft mitbekommen habe. Eine Armut, zu es auch gehört, dass in dem engen Raum und den Lebensbedingungen Gewalt oft die schnellste Antwort auf Konflikte oder das Mittel zur Wahrung der eigenen Interessen ist. Eine Gewalt, die auch in den Familien stattfindet, die mit den geringen Chancen zur Erlernung sozialer Kompetenzen zu tun hat. Und dennoch bewundere ich die Leute auch oft: für die Herzlichkeit, mit der wir in die Hütte eingeladen werden, für die Kraft, mit der sie ihr Leben in so vielen lebenserschwerenden Bedingungen bewältigen.

Die extreme Gewalt, die die Drogen in den letzten 3-4 Jahren in dieser Stadtteil gebracht haben, ist nicht sichtbar. Aber sie spricht aus den vielen Geschichten, die Rudolf uns vorher schon erzählte und die nun konkret wird: der Bruder von ihm wurde letzte Woche erschosssen, dieser Junge wurde fast erschossen, aber der Schuss ging daneben…

Mein Schlüsselerlebnis ist am Samstagmorgen bei der „escola para aprender mais“ (die Schule, um mehr zu lernen – eine Art brincadeira als informelles Förderschulangebot, bei der die Kinder nicht spielen, sondern an Tischen lernen, z.B. indem sie Geschichten schreiben): Rudolf schickt mich an einen Tisch mit den größeren Jungen. Eine Mutter kommt vorbei, gibt jedem ein Blatt und einen Stift – sie sollen eine Geschichte schreiben. Diese Geschichten werden gesammelt, von Rudolf liebevoll  ausgewertet, abgetippt und als kleines „Buch“ kopiert. Ihren bibliogarfischen Standort finden sie später in der Bibliothek der von der Stiftung unterhaltenen Schule, von der ich schon berichtet hattet. Diese Geschichten helfen den Kindern bei der Verarbeitung, würdigen ihre Worte, ihr Leben.
Ein Junge beginnt sofort auf dem Blatt eine Pistole zu zeichnen. Ein anderer reißt ihm das Blatt weg und zeigt es dem dritten: du verstehst doch was von Waffen, was ist das für eine… das folgende kurze Gespräch verstehe ich nicht ganz – aber dieser „Geschichtenanfang“ lässt mich ahnen, wie nah diese Gewalt im Alltag des Jungen ist.

Zu den kurzen Eindrücken von mir hier noch ein Link zu einem RAP auf you tube, den kürzlich ein französischer Freiwilliger mit den Kindern gemacht hat. Beim ersten Link sind viele Szenen auf dem Gelände der Bincadeira sichtbar: das Spiel mit dem Auoreifen, die Wippe, das Volleyballnetz und auch die Obstausgabe. Aufgenommen wurde auch in dem kleinen Studio, das die Stiftung eingerichtet hat:

http://www.youtube.com/watch?v=jXfYyr59zIY

http://www.youtube.com/watch?v=rrjXyyuImvI   

Eva-Maria 

16.7.12 15:34
 
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